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Die Krise

23/11/2012

Seit Wochen herrscht hier Sendestille. Zu berichten gäbe es viel, ich möchte es auch tun, bin aber oft zu müde oder in der sich so schnell drehenden Welt zu langsam – bis ich etwas zusammengeschustert habe, ist es längst nicht mehr aktuell. Und ich sage mir auch: Die Geschehnisse sind so gross, und für die Interessierten gibt es gute Blogs, in denen sie verfolgen können, was sich hier tut und wie sich das anfühlt – was hat da eine alte Frau aus ihrem kleinen Winkel zu melden? Lila tut es, sachlich, kompetent, und aus persönlichem Erleben. Ruth tut es, persönlich betroffen, aus Beerscheva, auch sie mit viel Kenntnis, Noa tut es aus tief religiösem Bewusstsein, viele andere tun es – seht nur, wen Lila verlinkt. Also, kann ich dem irgend was hinzufügen?

Vielleicht doch. Ein Ehepaar, das zu den wenigen Nichtjuden gehört, die Israel immer noch positiv gegenüberstehen, schickte E-Mails.Am 16… „Leider sind die Tagesnachrichten wieder voll mit Israel/Gaza. Wir hoffen fest es gehe ohne Krieg. Aber auch der tägliche Beschuss ist unerträglich…“ Ich antwortete umgehend: „Heute habt ihr das geschrieben?? Heute?? das ist Krieg, fully fledged. Ich wäre an sich auch dagegen, aber wenn er dem Süden wieder eine hoffentlich lange Zeit der Ruhe bringt, dann sehe ich ihn als das kleinere Übel. Der „tägliche Beschuss“ dauert ja schon Jahre“….  Und am 19. schrieben sie;  „Hier zulande sind wir fast alle ahnungslos, wie es in Israel wirklich steht. Wenn Du unsere Presse hörtest ….. Es scheint klar zu sein, dass Israel überproportional eingegriffen hat… Auslöser der Krise  war, so hören wir, die Tötung eines Hamasmilitärführers. Wie siehst Du das?“

Ich habe mich über die Frage gefreut. Und ebenso darüber, dass sie schrieben „Es scheint klar zu sein“…  und „so hören wir“. Ich lese Berichterstattung und Meinungssartikel in europäischen Zeitungen samt Leserkommentaren und bin oft entsetzt, wie 990 von 1000 Lesern einfach alles schlucken, was ihnen vorgekaut und schluckfertig serviert wird. Demnach hätte Israel mir nichts dir nichts einen „Militärführer“ von Hamas getötet, einfach so. Vorher herrschte Friede-Freude-Eierkuchen in der Gegend, ein Bömbchen hier, ein Bömbchen dort, was ist da schon dran? Dann gleich dieser überproportionierte Angriff, typisch, man weiss ja, wie „die Juden“ sind. Klar. Und der Staat Israel: Klar, wir wissen Bescheid, soll uns niemand was vormachen, etc. usw. (Bitte, das ist keine wörtliche Wiedergabe, aber das ist der Tenor). Immer wieder kommt in mir das Gefühl auf, ich lebe in einer anderen Welt als diese so Sicheren, die so gut wissen, wie verdammenswert unser blosses Dasein in diesem Winkel der Welt ist. Wie gut tun dann Ausnahmen, Menschen, die fragen und hinterfragen, wie eben meine E-Mail-Schreiber.

Natürlich habe ich geantwortet und versucht zu sagen, wie ich das sehe: „Es scheint klar zu sein, dass Israel überproportional eingegriffen hat“  Ist es überproportional, einem Chefterroristen, der ich weiss nicht wieviele Anschläge organisiert hat, das Handwerk endgültig zu legen?? …..

Auslöser „der Krise“ war die jahrelange und in den letzten Wochen noch wesentlich verschärfte Bombardierung im Süden, vor allem von Sderot und den umgebenden Kibbuzim und Moschavim, tagtäglich -zig Geschosse, dazu Ausdehnung des Radius auf Aschkelon, Aschdod etc. nördlich von Gaza, und im Süden von Netivot u.a. bis Beerscheva. Kennt ihr irgend ein Land, das sich so etwas gefallen lassen kann? Die Türken z.B. haben bei den ersten Geschossen aus Syrien sofort zurückgefeuert. Das war aus meiner Sicht richtig, denn sonst wäre die Lage wohl auch dort ausgeufert.  – Hier herrschte der Eindruck, Hamas wolle eine scharfe israelische Reaktion herausfordern. Unsere Regierung hat sich trotz zunehmendem Druck von unten (Zivilisten im Feuergebiet) lange, sehr lange zurückgehalten. Und jetzt wird halt aufgeräumt: Rädelsführer und „der Unterbau“, sprich Abschussbasen, Waffenfabriken und die offenbar riesigen Waffenlager müssen weg, denn sonst geht die Misere der Zivilbevölkerung in Israels Süden in zwei.drei Wochen wieder los.“. So geschrieben am 19. November.

Das wackere Ehepaar hätte eine viel ausführlichere Antwort verdient, waren sie doch die einzigen, die wissen wollten und Anteilnahme bekundeten. Im übrigen war ich doch sehr, sehr allein.

Ein Verwandter in der Schweiz pflegt von Zeit zu Zeit anzurufen, ein „Wie gehts? wie steht´s?“ Gespräch. Ausgerechnet jetzt hörte ich aber keinen Pieps mehr von ihm. Da rief ich an, ob bei ihm alles in Ordnung sei… Oh er sei so froh, mich zu hören, sie machten sich soooo Sorgen um mich. Ich: Dem könntet ihr aber leicht abhelfen. Anruf genügt! – Ja, er habe das nicht gewagt. – Warum nicht? – Aus Furcht, mir zu schaden, da bei uns doch die Telefone überwacht würden! – Ich griff mir an den Kopf. So sieht er Israel? als Staat, in dem einen die blosse Tatsache, dass man Anrufe aus dem Ausland bekommt, gefährden kann? Als Polizeistaat, in dem jeder Bürger dauernd bespitzelt wird? Woher hat er bloss diesen Stuss, diesen Quatsch, diesen Blödsinn?  Das Gespräch hat mich sehr niedergeschlagen. Ein starkes Gefühl der Entfremdung packte mich,  der Unmöglichkeit von Kommunikation, als lebte ich auf einem anderen Planeten.

Das Alleinsein war überhaupt das Schwerste in diesen Tagen. Ich fühlte mich hilflos und ausgesetzt – das ging sehr Vielen so. Aber ich fühlte mich auch nutzlos und überflüssig, konnte niemandem helfen, niemandem die Zeit erleichtern, nichts. Und die Spannung – ich hatte dauernd das Radio laufen, dann gab es doch menschliche Stimmen im Haus – aber die ständigen „Zeva adom – Zeva adom“-Einblendungen, die die Menschen in die Schutzräume und Unterstände schickten  – Zeva adom in Aschdod (wo Freunde von mir leben),Zeva adom in Beerscheva (dort ist Ruth mir ihren Kindern), Zeva adom in Sderot(wo der behinderte Sohn einer guten Bekannten Ersatzdienst leistet) – Zeva adom,ohne Ende, immer und immer wieder, Tag und Nacht, – das zerrte an den Nerven.

Fast automatisch suchte man sich „Beschäftigungstherapie“ oder Ablenkung. Nachdem ich am Freitagabend wegen Alarms nicht in die Synagoge gehen konnte (und mich statt dessen ins enge Räumchen zwängte, wo die Waschmaschine steht), rief mich eben jene gute Bekannte an, ich solle doch mit ihr ins Israel Museum kommen; ihr Sohn sei nach Hause geschickt worden und werde fast verrückt vom Nichtstun. Ihre Idee war genial. Zwei Stunden in den sehr gut besuchten Räumen einem Thema nachgehen, das mich fesselt, die Kinder beobachten, dann mit dem jungen Mann diskutieren – da konnte man wieder atmen, aufatmen. Am nächsten Tag revanchierte ich mich, indem ich den Jungen in ein Konzert einlud – auch ein kurzes Entweichen ín eine andere Welt. Vor dem Beginn des Konzerts bestieg der Sicherheitsverantwortliche des Platzes das Podium und gab ganz genaue Anweisungen, was wir im zwar,wie er sagte, unwahrscheinlichen Falle eines Falles zu tun hätten. Der junge Mann flüsterte: Grausig, fürchterlich! Aber mich beruhigte die Umsicht der Verantwortlichen; damit beugten sie doch einer möglichen Panik vor. Und ich erinnerte mich wieder an jenes unvergessliche Konzert, das Yitzchak Perlmann im Yom Kippur-Krieg in Jerusalem gab. Er war gekommen, um in der Stunde der Not, Angst und Gefahr mit uns zu sein. Jeder Ton war wie heilender Balsam und stärkte uns.  – Am Dienstag war wunderschönes Wetter. Eine gute Freundin rief an, sie möchte ein bisschen raus und die Gegend ansehen. Sie hatte auch übergenug vom Allein-in-den-vier-Wänden sein (sie war eine Woche lang krank gewesen). Gesagt, getan. Wir stiegen zum Kreuzfahrerkastell hinauf, von dem unser Platz seinen ursprünglichen Namen hat und von dem man eine schöne Rundsicht geniesst. Plötzlich wurde J. müde, und wir traten sofort den Rückweg an. Zu Hause angelangt, versuchte ich, es ihr bequem zu machen – da ertönte plötzlich die Sirene. Sie:„Das muss ganz nahe sein! Sicher auf dem Kastel! Wenn wir noch dort wären, hiesse es nachher ´Die Bombe fiel im offenen Gelände. Es sind keine Verluste bekannt`. Ich kommandierte sie scharf in die Küche: „Hier ist es sicherer, setz dich!“ und kauerte mich nieder, aus der Hocke dozierend: Die Sirene ist nahe, keine 20 Meter von hier, nicht die Bombe, wir hätten den Einschlag gehört! –  Nachher sagte sie, ich hätte Panik gehabt, das sei verboten. Ich glaube das nicht; denn ich hatte ja richtig funktioniert und sie an einen relativ sicheren Platz gebracht.Aber ich war gestrresst durch die besondere Verantwortung ihr gegenüber. Wenn ihr nur nichts passiert! Sie ist eine geliebte und sehr hilfreiche Grossmutter, die Familie ihrer Tochter könnte sie nur schwer entbehren. Nachdem sie gegangen war, hielt ich mir vor Augen, welche wichtige Rolle sie in der Familie spielt – ein Mensch, der zu was gut ist. Ich aber …

Ich versuchte zu schreiben, auch zu bloggen. Aber es ging nicht. Die Worte fehlten. Die Konzentration fehlte. Ich musste mir eingestehen, dass ich zu nichts mehr tauge.Selbstschelte „Nimm dir ein Beispiel an Lila, du faules Ding“ machten die Sache nur noch schlimmer.Was tun? Ach, ich weiss nicht …

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3 Kommentare
  1. Du bist zu was nutze, wenn ich deine Worte wiedergeben darf. Du bist eine juedische Schwester, die mit uns allen – mit dem Sueden, mit dem zentrum, mit allen, zusammen bangt, auch wenn wir uns nicht sehen, wir wissen doch voneinander,was der andere denkt und fuehlt, in diesen Zeiten. In Deutschland haette ich mich in dieser Zeit unglaublich allein gefuehlt…
    SChicke einen gruss zu Dir, und shabbat shalom
    danke fuer den Beitrag.
    deine Noa

  2. ach vered – es ist nicht so, dass alle nicht-jüdischen menschen auf diese sehr einseitige berichterstattung hereinfallen. und es ist auch nicht so, dass die presse nicht wüsste was wirklich los ist. aber nach den geschehnissen der letzten jahre muss ja jemand, der die wahrheit öffentlich allzu laut sagt, oder gar schreibt, damit rechnen dass noch viel öffentlicher dazu aufgerufen wird die betreffende person, nun ja, zu massregeln wäre wohl zu vorsichtig formuliert.

    da ist es doch einfacher sich auf den standpunkt „der stärkere gibt nach“ oder „der stärkere hat recht“ zurückzuziehen, je nachdem wie man gerade aufgelegt ist. und dann, die paar kleinen schiessereien, so ein barfüssiger palestineser oder wie die heissen, die treffen doch sowieso kaum jemals etwas, und die israeler sollen froh sein dass sie jetzt ein land haben, unter dem h. hätte es das alles nicht gegeben, und sowieso kann man sich an viel gewöhnen, und dann: das ist ja alles so weit weg, ich meine: der nahe osten, das ist doch schon afrika, nicht wahr, also ein anderer kontinent, was geht das den rest der welt an?

    manchmal schäme ich mich sehr, für dieses land in dem ich lebe, und für den kontinent auf dem ich lebe, und für die liederliche, reisserischen und einseitigen berichterstattungen. nicht nur wegen dieser, sondern auch wegen vieler anderer dinge.

    ich denke oft an sie, aber was soll ich schreiben: niemand von uns, die wir hier auf unseren dicken hintern im vermeintlich sicheren sitzen kann verstehen oder gar nachfühlen wie es euch geht.

    aber seien sie alle versichert: es gibt viele die wissen wie es wirklich aussieht, und es werden immer mehr. und auch die stimmen die die wahrheit sagen werden mehr und lauter.

  3. kaltmamsell permalink

    Bitte nicht auch noch die Last des Berichtenmüssens auf die Schultern nehmen. Ich freue mich sehr über die Meldung und denke ohnehin viel an die Dauerlast, in der Sie alle leben.

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