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Es brennt!

29/07/2012

Heute vor zwei Wochen brach hier ein grosser Brand aus. Es war nicht der erste in diesem Jahr. In Israel hat man bis jetzt über 1400 gezählt, wenige davon gelangten in die Nachrichten – Wald- und Buschbrände gehören ja hier wie in jedem Mittelmeerland zum Sommer.

Aber diesmal brannte es ganz in meiner Nähe. Ich hatte mich für einige Minuten hingelegt und muss dann eingedämmert sein. Ein Brandgeruch begann die Ruhe zu stören, ich schimpfte im Halbschlummer etwas vor mich hin über dumme Nachbarn, die auch in dieser Gluthitze das Verbrennen von Gartenabfall nicht lassen können, und versuchte, die Schlummerstunde zu retten. Aber der Geruch wurde beissender, Helikopter brummten in der Luft, jetzt hörte ich gequetschte, unverständliche Töne aus dem Lautsprecher eines Polizeiwagens. – Plötzlich war ich hell- ja überwach. Feuer? Feuer! Radio an! Gerade kam die Meldung durch: Das Feuer, zwei Stunden zuvor in Mevasseret Zion im Viertel Ein Chemed ausgebrochen, hatte sich durchs Wadi aufwärts gefressen und leckte schon an die äussersten Häuser des Dorfes, wo ich wohne. Die Mischlat-Strasse musste geräumt werden. Die Mischlat-Strasse, knappe fünf Gehminuten von meinem Haus entfernt! Ich ging einen Moment hinaus, um genau zu erfassen, was los war, sah Nachbarn in Autos steigen und wegfahren, andere liefen, so rasch sie konnten. Ich rief, schrie, niemand nahm mich wahr. Da bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich hatte schon Atemschwierigkeiten, ich könnte nicht schnell laufen, das Feuer würde mich einholen, der Rauch würde mich ersticken .Was tun, fragte ich das Notrufzentrum an. Die Dame am Draht war absolut vernagelt. Was, Feuer? In deiner Wohnung? – Nein, draussen. – Dann mach die Fenster zu. – Sind längst zu, aber der Brand kommt näher. – Melde es der Feuerwehr. – Aber es sind schon 21 Mannschaften im Einsatz, dazu Flugzeuge. – Du fühlst dich nicht gut, trinke Wasser, oder soll ich eine Ambulanz schicken? etc. etc.– Da drehte ich durch, schrie etwas äusserst Unhöfliches und stellte den Alarm ab. In dem Augenblick klingelte das Telefon, Freunde aus dem nahen Motza Illit boten mir Unterschlupf bei ihnen, ich könne auch dort übernachten.Sie kämen gleich mich abholen. Ja, ja, ja, danke! In drei Minuten war ich bereit und überfroh, als Ilan sich meldete. Nichts wie raus und weg. Unterwegs hörten wir, die Strassen zu uns seien jetzt gesperrt. – Drei Stunden wartete ich allein mit TV, Radio und Handy, denn die Freunde mussten weg. Ich luchste auf Meldungen und antwortete auf besorgte Anrufe, es sei alles gut, ich sei nicht in der Gefahrenzone. Gerade als es hiess, die Feuerwehr habe den Brand jetzt unter Kontrolle, kamen die Freunde zurück, leider mit schlechtem Bericht vom Arzt. Ilan fuhr mich sofort nach Haus und war gleich wieder weg zu seiner kranken Frau. Ich trat ins Haus, drückte den Schalter – kein Strom. In allen umliegenden Häusern brannte aber Licht. Im Dunkeln konnte ich die Hauptsicherung nicht kontrollieren. Ein Anruf – und unser alter Nachbar, Freund und Nothelfer Dani kam samt Taschenlampe und behob die Panne. Nun Ruhe. Ruhe? O nein, ich entdeckte allerlei verdächtige Spuren: einen Handabdruck am Glas der Haustüre, Fettspuren an einer anderen Glastür, die kleine Gardine am Klappfenster im Schlafraum war verschoben worden (von aussen, wohl mit Hilfe des weggeworfenen Bambusstabes) – kurz, irgend etwas war nicht koscher. Sollte ich die Polizei verständigen? In Anbetracht früherer Erfahrungen mit den „Freunden und Helfern“ des unbescholtenen Bürgers liess ich das. Noch ein kurzer Rundgang ums Haus, dann zu Bett. (Die Treppe ins obere Stockwerk wagte ich nicht zu benutzen.). Die Nacht verlief unruhig: allerlei Geräusche, die ich sonst nicht wahrgenommen hätte, liessen mich zusammenzucken und den Atem anhalten. Aber irgendwie kam der Morgen doch und damit eine „Bestandesaufnahme“ Die letzten Feuerherde waren jetzt gelöscht, es gab nur leichtere Schäden an Häusern und an Autos, die wegen akuter Atemnot eingelieferten Personen waren schon alle nach Hause entlassen – kurz, Mevasseret war gnädig weggekommen, mehr als gnädig. Uns allen sitzen noch der Schrecken und das Entsetzen über die letztjährige Katastrophe am Karmel in den Knochen, die 44 Menschen das Leben kostete und immense Schäden an Gebäuden und in der Natur anrichtete; auch hier hätte es schlimm ausgehen können, wenn der Wind eine andere Richtung genommen und sich noch verstärkt hätte. Übrigens hatten beide Brände die gleiche Ursache: unfassliche Nachlässigkeit. Bei Haifa hatten ein paar Jungs das Feuer nach ihrem Treffen nicht richtig gelöscht, hier in Ein Chemed hatten ein paar Rotzjungen am Vorabend sich damit amüsiert, leere Sprayflaschen in ein Feuer zu werfen, um sich an den Explosionen zu ergötzen, und die herbeigerufene kleine Feuerwehrequipe hatte den Brand nur notdürftig und unprofessionell „gelöscht“. Die Nacht durch und in den Morgenstunden hatte er geschwelt und neue Nahrung gefunden, und das übrige hatten der aufkommende starke Wind besorgt.

Zu einem echten Drama gehört ein Nachspiel. Nachbarskinder kamen und fragten: Vered, wo warst du gestern? die Polizei ist bei dir eingebrochen. Komisch. Ich konnte das nicht recht glauben, und doch – all die Spuren … Die Erklärung kam später am Tag: Nachbarsleute, die „den Braten“ schon um zwei Uhr gerochen hatten und sich im Kanion (Mall) die Zeit vertrieben, erinnerten sich gegen fünf Uhr plötzlich an mich. Da sie mich telefonisch nicht mehr erreichen konnten, meldeten sie „den Fall“ bei der Polizei, und die kam pflichtgemäss prüfen, ob der alten einsamen Frau nichts zugestossen sei. Ein netter Polizist, den ich einige Tage später zufällig im Wartezimmer der Kassenklinik traf, hörte sich diese Geschichte an und fragte dann, ob seine Kollegen denn Schaden angerichtet hätten. Nein, sagte ich, das nicht, aber ein Zettelchen an der Tür „Wir waren da, um zum Rechten zu sehen. Freundliche Grüsse von der Polizei“ hätte meinen gestressten Nerven gar wohl getan. Ich beschwere mich nicht, aber so eine kleine Botschaft würde den betreuten Menschen einen Schreck ersparen und dazu beitragen, das Image der Polizei zu verbessern. Für sie sei das ja Alltag, aber für Zivilisten, und besonders für ältere Menschen eben nicht. Der Polizist nickte freundlich, er wolle die Anregung weiterleiten, ich gab ihm die Personalien an. Nun werden wir sehen, was geschieht. Sehr wahrscheinlich nichts, aber wer weiss?

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From → Alltag

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