Zum Inhalt springen

Besuch aus dem Jenseits

So zwischen Wachen und Schlaf bekam ich Besuch. Eine altvertraute Stimme sagte: „Vered, was für ein Gejammer hast du von dir gegeben in deinem Blog! Du bist eine Memme, schäm dich!“ Es war Mordechai, der im Jenseits meinen jüngsten Blog-Eintrag gelesen hatte und nun im Halbtraum zu mir kam, um mir wieder einmal den Kopf zurechtzusetzen. Er setzte sich an den Computer und zeigte „Schau hier, und hier, und hier“ und las mir Stellen vor, die ihm nicht gefielen, und dann bekam ich eine so kräftige Abreibung, dass ich sicher vor Scham rot anlief. „Lerne jammern, ohne zu leiden. Was ist dir denn überhaupt passiert? Warst du in Sderot oder in Beer Tuvia? Warst du zu Fuss unterwegs, als es Alarm gab, und konntest keinen Unterstand finden? Wie oft haben die Sirenen dich aus dem Schlaf gerissen? Und was für ein Gewinsel ist das über Alleinsein? `Man versteht mich nicht, o weh, o weh` `Was soll ich bloss tun?` . Nimm dich doch nicht so wichtig. Was meinst du, wie war deinen Nachbarn zumute, als zwei ihrer Söhne „zav schmone“ bekamen und sie tagelang nicht wussten, wo die steckten? Und den Müttern, die versuchten, die Kleinen zu beruhigen und abzulenken, während sie selber die grösste Mühe hatten, ihre Angstgefühle zu bändigen? Und dem Rollstuhlgebundenen in Kiryat Gat, der keinen Schutzraum aufsuchen konnte? Hat vielleicht ein Geschoss unser Haus getroffen? Wärst du imstande gewesen zu sagen `Das Haus ist dahin, aber wir leben, Dank sei Gott` wie der Mann in Aschkelon,? Was hast du überhaupt erlebt, was? Zweimal Alarm, das ist alles. Und du machst in Heulen und Zähneklappern. Wann wirst du endlich erwachsen?“

Er sagte auch noch: „Lass doch die Leute schwatzen. Wo wären wir, wenn wir immer auf sie hörten? Du erinnerst dich doch an Ben Gurion: ´Wichtig ist nicht, was die andern sagen – wichtig ist, was wir tun.`“ Guter Mordechai, du hast mir die Proportionen zurückgegeben, ich danke dir, ich will mich bessern.
Er blieb noch eine Weile spürbar in meiner Nähe. Dann muss ich richtig eingeschlafen sein. Als ich erwachte, hing nur noch das Porträt an der Wand. Chaver, ata chassér.

Die Krise

Seit Wochen herrscht hier Sendestille. Zu berichten gäbe es viel, ich möchte es auch tun, bin aber oft zu müde oder in der sich so schnell drehenden Welt zu langsam – bis ich etwas zusammengeschustert habe, ist es längst nicht mehr aktuell. Und ich sage mir auch: Die Geschehnisse sind so gross, und für die Interessierten gibt es gute Blogs, in denen sie verfolgen können, was sich hier tut und wie sich das anfühlt – was hat da eine alte Frau aus ihrem kleinen Winkel zu melden? Lila tut es, sachlich, kompetent, und aus persönlichem Erleben. Ruth tut es, persönlich betroffen, aus Beerscheva, auch sie mit viel Kenntnis, Noa tut es aus tief religiösem Bewusstsein, viele andere tun es – seht nur, wen Lila verlinkt. Also, kann ich dem irgend was hinzufügen?

Vielleicht doch. Ein Ehepaar, das zu den wenigen Nichtjuden gehört, die Israel immer noch positiv gegenüberstehen, schickte E-Mails.Am 16… „Leider sind die Tagesnachrichten wieder voll mit Israel/Gaza. Wir hoffen fest es gehe ohne Krieg. Aber auch der tägliche Beschuss ist unerträglich…“ Ich antwortete umgehend: „Heute habt ihr das geschrieben?? Heute?? das ist Krieg, fully fledged. Ich wäre an sich auch dagegen, aber wenn er dem Süden wieder eine hoffentlich lange Zeit der Ruhe bringt, dann sehe ich ihn als das kleinere Übel. Der “tägliche Beschuss” dauert ja schon Jahre“….  Und am 19. schrieben sie;  „Hier zulande sind wir fast alle ahnungslos, wie es in Israel wirklich steht. Wenn Du unsere Presse hörtest ….. Es scheint klar zu sein, dass Israel überproportional eingegriffen hat… Auslöser der Krise  war, so hören wir, die Tötung eines Hamasmilitärführers. Wie siehst Du das?“

Ich habe mich über die Frage gefreut. Und ebenso darüber, dass sie schrieben „Es scheint klar zu sein“…  und “so hören wir”. Ich lese Berichterstattung und Meinungssartikel in europäischen Zeitungen samt Leserkommentaren und bin oft entsetzt, wie 990 von 1000 Lesern einfach alles schlucken, was ihnen vorgekaut und schluckfertig serviert wird. Demnach hätte Israel mir nichts dir nichts einen „Militärführer“ von Hamas getötet, einfach so. Vorher herrschte Friede-Freude-Eierkuchen in der Gegend, ein Bömbchen hier, ein Bömbchen dort, was ist da schon dran? Dann gleich dieser überproportionierte Angriff, typisch, man weiss ja, wie „die Juden“ sind. Klar. Und der Staat Israel: Klar, wir wissen Bescheid, soll uns niemand was vormachen, etc. usw. (Bitte, das ist keine wörtliche Wiedergabe, aber das ist der Tenor). Immer wieder kommt in mir das Gefühl auf, ich lebe in einer anderen Welt als diese so Sicheren, die so gut wissen, wie verdammenswert unser blosses Dasein in diesem Winkel der Welt ist. Wie gut tun dann Ausnahmen, Menschen, die fragen und hinterfragen, wie eben meine E-Mail-Schreiber.

Natürlich habe ich geantwortet und versucht zu sagen, wie ich das sehe: „Es scheint klar zu sein, dass Israel überproportional eingegriffen hat“  Ist es überproportional, einem Chefterroristen, der ich weiss nicht wieviele Anschläge organisiert hat, das Handwerk endgültig zu legen?? …..

Auslöser „der Krise“ war die jahrelange und in den letzten Wochen noch wesentlich verschärfte Bombardierung im Süden, vor allem von Sderot und den umgebenden Kibbuzim und Moschavim, tagtäglich -zig Geschosse, dazu Ausdehnung des Radius auf Aschkelon, Aschdod etc. nördlich von Gaza, und im Süden von Netivot u.a. bis Beerscheva. Kennt ihr irgend ein Land, das sich so etwas gefallen lassen kann? Die Türken z.B. haben bei den ersten Geschossen aus Syrien sofort zurückgefeuert. Das war aus meiner Sicht richtig, denn sonst wäre die Lage wohl auch dort ausgeufert.  - Hier herrschte der Eindruck, Hamas wolle eine scharfe israelische Reaktion herausfordern. Unsere Regierung hat sich trotz zunehmendem Druck von unten (Zivilisten im Feuergebiet) lange, sehr lange zurückgehalten. Und jetzt wird halt aufgeräumt: Rädelsführer und “der Unterbau”, sprich Abschussbasen, Waffenfabriken und die offenbar riesigen Waffenlager müssen weg, denn sonst geht die Misere der Zivilbevölkerung in Israels Süden in zwei.drei Wochen wieder los.“. So geschrieben am 19. November.

Das wackere Ehepaar hätte eine viel ausführlichere Antwort verdient, waren sie doch die einzigen, die wissen wollten und Anteilnahme bekundeten. Im übrigen war ich doch sehr, sehr allein.

Ein Verwandter in der Schweiz pflegt von Zeit zu Zeit anzurufen, ein „Wie gehts? wie steht´s?“ Gespräch. Ausgerechnet jetzt hörte ich aber keinen Pieps mehr von ihm. Da rief ich an, ob bei ihm alles in Ordnung sei… Oh er sei so froh, mich zu hören, sie machten sich soooo Sorgen um mich. Ich: Dem könntet ihr aber leicht abhelfen. Anruf genügt! – Ja, er habe das nicht gewagt. – Warum nicht? – Aus Furcht, mir zu schaden, da bei uns doch die Telefone überwacht würden! – Ich griff mir an den Kopf. So sieht er Israel? als Staat, in dem einen die blosse Tatsache, dass man Anrufe aus dem Ausland bekommt, gefährden kann? Als Polizeistaat, in dem jeder Bürger dauernd bespitzelt wird? Woher hat er bloss diesen Stuss, diesen Quatsch, diesen Blödsinn?  Das Gespräch hat mich sehr niedergeschlagen. Ein starkes Gefühl der Entfremdung packte mich,  der Unmöglichkeit von Kommunikation, als lebte ich auf einem anderen Planeten.

Das Alleinsein war überhaupt das Schwerste in diesen Tagen. Ich fühlte mich hilflos und ausgesetzt – das ging sehr Vielen so. Aber ich fühlte mich auch nutzlos und überflüssig, konnte niemandem helfen, niemandem die Zeit erleichtern, nichts. Und die Spannung – ich hatte dauernd das Radio laufen, dann gab es doch menschliche Stimmen im Haus – aber die ständigen „Zeva adom – Zeva adom“-Einblendungen, die die Menschen in die Schutzräume und Unterstände schickten  – Zeva adom in Aschdod (wo Freunde von mir leben),Zeva adom in Beerscheva (dort ist Ruth mir ihren Kindern), Zeva adom in Sderot(wo der behinderte Sohn einer guten Bekannten Ersatzdienst leistet) – Zeva adom,ohne Ende, immer und immer wieder, Tag und Nacht, - das zerrte an den Nerven.

Fast automatisch suchte man sich „Beschäftigungstherapie“ oder Ablenkung. Nachdem ich am Freitagabend wegen Alarms nicht in die Synagoge gehen konnte (und mich statt dessen ins enge Räumchen zwängte, wo die Waschmaschine steht), rief mich eben jene gute Bekannte an, ich solle doch mit ihr ins Israel Museum kommen; ihr Sohn sei nach Hause geschickt worden und werde fast verrückt vom Nichtstun. Ihre Idee war genial. Zwei Stunden in den sehr gut besuchten Räumen einem Thema nachgehen, das mich fesselt, die Kinder beobachten, dann mit dem jungen Mann diskutieren – da konnte man wieder atmen, aufatmen. Am nächsten Tag revanchierte ich mich, indem ich den Jungen in ein Konzert einlud – auch ein kurzes Entweichen ín eine andere Welt. Vor dem Beginn des Konzerts bestieg der Sicherheitsverantwortliche des Platzes das Podium und gab ganz genaue Anweisungen, was wir im zwar,wie er sagte, unwahrscheinlichen Falle eines Falles zu tun hätten. Der junge Mann flüsterte: Grausig, fürchterlich! Aber mich beruhigte die Umsicht der Verantwortlichen; damit beugten sie doch einer möglichen Panik vor. Und ich erinnerte mich wieder an jenes unvergessliche Konzert, das Yitzchak Perlmann im Yom Kippur-Krieg in Jerusalem gab. Er war gekommen, um in der Stunde der Not, Angst und Gefahr mit uns zu sein. Jeder Ton war wie heilender Balsam und stärkte uns.  – Am Dienstag war wunderschönes Wetter. Eine gute Freundin rief an, sie möchte ein bisschen raus und die Gegend ansehen. Sie hatte auch übergenug vom Allein-in-den-vier-Wänden sein (sie war eine Woche lang krank gewesen). Gesagt, getan. Wir stiegen zum Kreuzfahrerkastell hinauf, von dem unser Platz seinen ursprünglichen Namen hat und von dem man eine schöne Rundsicht geniesst. Plötzlich wurde J. müde, und wir traten sofort den Rückweg an. Zu Hause angelangt, versuchte ich, es ihr bequem zu machen – da ertönte plötzlich die Sirene. Sie:„Das muss ganz nahe sein! Sicher auf dem Kastel! Wenn wir noch dort wären, hiesse es nachher ´Die Bombe fiel im offenen Gelände. Es sind keine Verluste bekannt`. Ich kommandierte sie scharf in die Küche: „Hier ist es sicherer, setz dich!“ und kauerte mich nieder, aus der Hocke dozierend: Die Sirene ist nahe, keine 20 Meter von hier, nicht die Bombe, wir hätten den Einschlag gehört! –  Nachher sagte sie, ich hätte Panik gehabt, das sei verboten. Ich glaube das nicht; denn ich hatte ja richtig funktioniert und sie an einen relativ sicheren Platz gebracht.Aber ich war gestrresst durch die besondere Verantwortung ihr gegenüber. Wenn ihr nur nichts passiert! Sie ist eine geliebte und sehr hilfreiche Grossmutter, die Familie ihrer Tochter könnte sie nur schwer entbehren. Nachdem sie gegangen war, hielt ich mir vor Augen, welche wichtige Rolle sie in der Familie spielt – ein Mensch, der zu was gut ist. Ich aber …

Ich versuchte zu schreiben, auch zu bloggen. Aber es ging nicht. Die Worte fehlten. Die Konzentration fehlte. Ich musste mir eingestehen, dass ich zu nichts mehr tauge.Selbstschelte „Nimm dir ein Beispiel an Lila, du faules Ding“ machten die Sache nur noch schlimmer.Was tun? Ach, ich weiss nicht …

Beim Einkauf – Augen auf!

Heute war bei mir Einkaufstag. Gute Freunde pflegen mich einmal die Woche in einen nahe gelegenen Supermarkt und zwei-drei andere Läden mitzunehmen. Sie tun mir damit einen grossen Gefallen, denn so kann ich meine Besorgungen machen, ohne nachher Rückenschmerzen zu bekommen vom Schleppen.

Bei der heutigen Einkaufstour habe ich einige Beobachtungen gemacht, die ich zu Nutz und Frommen meiner Leser aufzeichnen will.
Wie bekannt, ist die MwSt bei uns am 1. September von 16 auf 17% erhöht worden. Der Festzeit wegen wollten manche Grossverteiler und Detailgeschäfte die Kunden nicht vergraulen und liessen die Preise vorläufig unverändert; ob sie das zusätzliche Prozent trotzdem an die Staatskasse ablieferten, weiss ich nicht. Aber jetzt sind wir „acherei haChagim“, und da wird bekanntlich alles anders. Bezahlte ich letzte Woche für Hüttenkäse 5.49, lege ich heute 5.54 hin, für einen Doppelliter Milch statt 10.90 jetzt 11.01, für ein Kilo Vollreis 8.07 statt 7.99, usw. Diese leichte Teuerung, finde ich, bringt etwas sehr Gutes mit sich. Ich hatte mich schon lange geärgert über die allgemein üblichen Rosstäuscher-Preise, 9.99, 99.90 etc., die in meiner Sicht eine Beleidigung der Kundschaft sind. Für wie dumm hält man uns eigentlich? Bei mir liessen sie jedenfalls immer Warnlämpchen aufleuchten – sieh dich vor, da will dich einer neppen. Die neuen Preise wirken viel … ehrlicher, solider.

Allerdings sollte man beim Einkauf trotzdem wach und aufmerksam sein. Noch vor dem Fest war bei „meinem“ Supermarkt plötzlich kein Speiseeis mehr vorrätig. Bei einem anderen Anbieter fand ich es, 22.99 stand auf dem Preisschildchen. Nicht wenig, bei „meinem“ Super war es für 19.99 zu haben. Aber aufs Fest hin … nun gut, eine kleine Verwöhnung , sich etwas gönnen …Wie ich aber zur Kasse kam, 23 Schekel bereit, sagte die Kassiererin: Noch 6.20 bitte. – Ma pitom? – Sie: Ja, die MwSt, wir konnten noch nicht alle Preise updaten. Ich rechne ihr vor, wieviel 1% von 23 Schekel ist, 23 Agorot nämlich. – Sie: 29.20. Die Gute kann nichts dafür, es geht nach dem Code auf dem Artikel. Ich gehe also mit dem Eis zum Kundendienst und bekomme dort die gleiche Auskunft, dazu „Dieses Eis ist Diätprodukt und kostet deshalb mehr als die andern“. Zur Sicherheit gehe ich zurück zur Tiefkühltruhe. Ich habe mich nicht getäuscht. Alle Sorten sind gleich angeschrieben. Zurück zum Kundendienst, harzige Diskussion. Hinter mir bildet sich eine Schlange von anderen Kunden, die zuhören. Ich zuletzt: „30% Aufschlag ist Raub, und dass ihr die Preise nicht korrekt anschreibt, ist ungesetzlich, da mache ich nicht mit“. Beifälliges Volksgemurmel, und ich rausche ohne Eis hinaus. – Übrigens kam ich doch noch zu Eis, denn es gibt noch einen dritten Grossanbieter, der verkaufte es für 24.23.

Warum ich das des Langen und Breiten erzähle? Der Vorfall hat mein Bewusstsein dafür geschärft, dass wir als Kunden alert sein müssen. Preisvergleiche zwischen Anbietern (und zwischen verschiedenen Marken) lohnen sich, Überprüfung der Kassenzettel ebenfalls, siehe

http://www.consumers.org.il/category/en-incosistent-pricing.

Überdies: Auch Verfalldaten bei abgepackten Lebensmitteln muss man vor dem Kauf kontrollieren; alte Ware wird nicht zurückgenommen. Wir sollten von der guten Aufklärungsarbeit der Organisationen zum Konsumentenschutz profitieren – hier in Israel zB bei der Website des Israel Consumer Council,

http://www.consumers.org.il/category/en-consumers

Wir müssen lernen, auf unseren Rechten zu bestehen, wir sollen unsere Erfahrungen mit andern teilen und bei offensichtlich unlauteren Praktiken den Konsumentenschutz aufmerksam machen. Es ist mühsam, ja, aber wenn wir´s nicht tun, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Produzenten und Handel in uns Freiwild sehen. Wir sind ihnen gegenüber ohnehin im Nachteil.

Es ist nichts schwerer zu ertragen …

Noch keine Woche ist es her, da dachten wir: „O endlich ist die Festzeit vorbei. Noch ein Fest und dann …“ Feste sind ja schön, aber so viele aufs Mal! Da hatten wir den ganzen Monat Elul vor uns, den wir dem Rückblick auf das endende Jahr, der Besinnung, dem In-Sich-Gehen vor dem Tage des Gerichts widmen sollten – das alles in Hundstagshitze, wo sich alles müde und lahm hinschleppt. Das ganze Land ist verstaubt – wir auch. Alles, was das Jahr durch falsch gelaufen ist, was wir vefehlt, versäumt, gesündigt haben, klopft an unser Gewissen. Wir sollen nicht nur selichot sagen, Rechnung ablegen und bereuen, sondern um Verzeihung bitten und das Verkrümmte wieder gerade biegen, Umkehr in Gedanken und Taten, als Einzelne und als Nation. Der Einzelne tut es noch vor Rosch haSchana, dem Anbruch des neuen Jahres, und gibt, wo es nötig ist, möglichst im Verborgenen, ohne darüber zu reden… Die Vertreter der Nation, sprich Politiker, reden, reden von Verantwortung, von Reformen bei… allem, was uns bedrückt. Taten sollen „acherei haChagim“, nach den Festen, folgen. „Acherei haChagim“ ist fast ein Zauberwort. „Acherei haChagim“ wird alles anders und besser – aber bis dann dauert es noch lange, und inzwischen sollen wir unsere Busse tun, unsere Feste feiern und darüber den Alltag und die Versprechungen der Politiker tunlichst vergessen.

Der eigentliche Festmonat, der Tischri, verwirrte uns vollends, jede Ordnung schien aufgehoben. Am Ende der letzten normalen Woche der Schabbat, der Ruhetag, dann ein „Brückentag“, an dem theoretisch gearbeitet wird, wenn auch nur halbtags, dann Rosch haSchana, das zweitägige Neujahrsfest (ein hoher Feiertag), nachher zweieinhalb Arbeitstage, Ruhetag, ein Brückentag (s.o.), darauf der Vorabend des Yom haKippurim, des heiligsten Tages des Jahres; dieser Vorabend ist nur der Vorbereitung gewidmet Schon am frühen Nachmittag steht das Leben praktisch still. Am Yom Kippur sind die Synagogen bumsvoll von fastenden Betern, darunter sehr viele, die gerade einmal im Jahr herkommen. Die Strassen sind autofrei, Kinder tummeln sich auf Fahrrädern, dann und wann hört man eine Ambulanz oder einen Polizeiwagen. Die Atmosphäre lässt sich nicht beschreiben: man muss sie erlebt haben, zugleich sehr ernst und feierlich-froh. Nach den abschliessenden Schofarklängen und dem „Anbeissen“ finden viele Menschen noch die Kraft, mit dem Bau der Laubhütte zu beginnen. Die Zeit drängte dieses Jahr, denn zwischen Kippur und Laubhüttenfest gab es einen einzigen normalen Arbeitstag. Dann Freitag (Halbtag), Schabbat, ein Brückentag (s.o.)– und schon ging das Fest wieder los. Ein Vollfeiertag, vier Halbfeiertage, Schabbat, noch ein Halbfeiertag und dann noch einmal ein Feiertag! Und Dienstag als erster Arbeitstag, für einige besonders Fromme sogar der Mittwoch. Regulärer Donnerstag, kurzer Freitag, arbeitsfreier Schabbat – erst jetzt bricht endlich die Normalität aus. Die kalendarische, heisst das. Welche Erholung!

Die Stadtbahn Jerusalem

Grafiti un Jerusalem
Traum…

Heute vor einem Jahr wurde die erste, 13,8 km lange Teilstrecke der Stadtbahn Jerusalem dem Betrieb übergeben. In einem ebenso langen wie instruktiven Artikel des Tages zeichnet Wikipedia.de heute die ganze Baugeschichte nach, von den ersten Ideen, die noch im 19. Jahrhundert auftauchten (!) über einen kurzlebigen Versuch 1918 über Planung und Bau mit allen damit verbundenen Problemen; technischen, politischen, juristischen und sogar archäologischen. Es folgen eine ausführliche Streckenbeschreibung und Informationen zum Betrieb, der Sicherheit, den Fahrzeugen und ein eigener Abschnitt über die kontroverse Calatrava-Brücke oder Weisse Harfe, dann natürlich noch der Blick in die Zukunft. Das Projekt ist bis jetzt ja nur zum kleinsten Teil umgesetzt. Der ersten, noch wesentlich zu verlängernden Teilstrecke soll eine zweite Linie folgen, die West-Ost-Linie. Ob wohl auch bei der Ausführung dieser neuen Teilpläne so viel „Sand im Getriebe“ die Vollendung verzögert? Bis jetzt sind seit den ersten Arbeiten fast 17 Jahre verstrichen.


… und Alptraum

Hatte der damalige Bürgermeister Olmert 1995 gemeint, in fünf Jahren könnte er die Strecken im Zentrum einweihen, mussten die Einwohner Jerusalems und der Agglomeration lange Jahre sich durch ein unglaubliches Bauchaos durchwurschteln – und müssen es heute noch. Die Stadtbahn ist zwar ein angenehmes Verkehrsmittel, aber der meiste Verkehr wird doch noch immer durch Busse bewältigt, und diese wurden in hoffnungslos überfüllte Nebenstrassen abrgedrängt. Die Streckenführung der Busse wechselt häufig aufgrund von Forderungen der Anwohner, nichts ist auf nichts abgestimmt, und damit man sich nicht chalila trotzdem zurechtfindet, wechseln auch die Busnummern und die Plätze der Haltestellen. Es steht zu vermuten, dass der schöne Brauch der Verschiebung von Eröffnungsfeierlichkeiten weiterhin gepflegt wird – die Eröffnung des jetzigen Teilstückes wurde viermal verschoben, nicht um Wochen, um Jahre, weil immer wieder Finanzengpässe, Fehlplanungen, schlechte Koordination, Sicherheitsprobleme und Werweisswasnoch die Arbeiten verzögerten. Die Bürger von Jerusalem haben jetzt ausser der Klagemauer und dem Steuerbüro noch eine Gelegenheit zum Weinen, und wir, die wir optimistischen Gemütes sind, hoffen, wenn Lilas Quarta einmal als frischgebackene Rentnerin ihren Enkeln die Heilige Stadt zeige, könne sie die Hauptstrecken schon mit der Stadtbahn zurücklegen.

Sand im Getriebe

Eines Tages ging einfach nichts mehr. Kleine Störungen gehören bei mir zum Computer-Alltag, und die Leute von der Technischen Hilfe haben mir im Laufe der Zeit einige Tricks andressiert, mit deren Hilfe ich mich meistens durchmogeln kann.
Aber diesmal war es anders. Ich konnte das alte Ding nicht einmal mehr anwerfen. Und der Techniker Yariv, der so vielen Kunden aus allen möglichen Patschen hilft, war irgendwo mit der Familie unterwegs und nicht erreichbar. Ich wartete fast eine Woche. Dann kam er, braungebrannt und strahlend – doch auch ihm gehorchte der alte Kasten nicht. Yariv schraubte ihn auf, fragte nach Staublappen und Fön und zeigte mir das Innere: Staub und Asche waren ins Getriebe meines Computers geraten. Yariv wischte und blies alles gründlich aus, setzte es dann wieder zusammen – und siehe, es funktionierte! Also nicht, wie befürchtet, Altersschwäche.

Aber inzwischen war auch Sand in das Getriebe meines Gehirns geraten, nicht nur des Computers wegen – es war wieder mal so eine vertrackte Zeit, da einfach nichts klappen wollte. (Oder war das Altersschwäche?) Der Kleinkrieg mit der Bank einer neuen Kreditkarte wegen dauerte mehr als fünf Wochen und frass viel Zeit und Nervenkraft. Mit dem Abarbeiten einer Liste fälliger Telefonanrufe kam ich auch nicht vorwärts – entweder waren meine Partner irgend wohin verreist, oder ich verpasste die Öffnungszeiten von Büros oder konnte Unterlagen nicht finden. Ein Treffen, von dem ich mir viel versprochen hatte, verlief frustrierend. Alles Kleinzeug, ich weiss, aber es läpperte sich zusammen. Wie heisst es doch schon in Jalkut Schimoni? „Schon ein kleines Hügelchen erscheint einem alten Menschen als hoher Berg“. So ist´s – leider.

Ähnlich ging es mir mit dem Blog, den ich noch vor dem nächsten Eintrag etwas „möblieren“ und nach meinem Gusto einrichten wollte. Stunden über Stunden sass ich da und pröbelte und pröbelte, wurde darüber müde und schaffte doch nichts. WordPress gilt zwar als benutzerfreundlich und verfügt über eine ausführliche Hilfsfunktion. Aber die nützt mir herzlich wenig. da ich ihr Vokabular nicht verstehe. So brachte die ganze Mühe nichts ein als Frust und Ärger. Frust, weil ich die mir selber gestellte Aufgabe nicht lösen konnte, und Ärger über mich, weil ich mich von dem Misslingen so niederdrücken lasse. Nun stehe ich so dumm da wie zuvor, mit einer ganzen Liste von unbeantworteten Fragen; wenn ich zufällig für eine die Lösung finde, tauchen gleich zwei andere auf. Aaach!

- Wie kann ich eine Blogroll erstellen?
- Wie im Text auf ein anderes Blog oder eine Quelle verweisen?
- Wie ein Zitat einsetzen?
- Wie die Grösse eines Bildes meinen Wünschen anpassen?
- Wie Kommentare einsehen und gegebenenfalls löschen, bevor sie öffentlich verfügbar sind?
- Wie Bilder in der Grösse einfügen, die mir passt?
- Wie Leser auf neue Posts aufmerksam machen? Ich habe viel Zeit darauf verwendet, wie die Autoren eines meiner Lieblingsblogs anhand einer Sonderliste von Adressen (Bcc-undisclosed recipients) die Leser jeweils per E-Mail zu verständigen. Mir gelingt es aber nicht, mein Mail en bloc zu senden, war also die ganze Mühe für die Katz? Die mir bekannten Leser einzeln anschreiben ist mir zu mühsam. Gibt es vielleicht einen Trick oder eine ganz andere Lösung?
- Was muss ich tun, damit man von meiner URL(?) zum Blog durchschalten kann? Ich habe es erprobt: Wenn mein Blog auf einer Blogroll steht,oder wenn man bei Google “wusisdus – dusisdus” eingibt, kann man durchschalten, aber wenn die URL bei einem in einem anderen Blog von mir geschriebenen Kommentar erscheint, geht es nicht.

Tja, unterwegs sein ist gut, aber auf der Stelle treten ist nicht so gut.

Eine gute Karikatur …

…erklärt eine Sachlage oft besser als eine lange Abhandlung. So sieht der Karikaturist Schlomo Cohen von “Israel Hayom”, mit welchen Werkzeugen die Regierung jetzt den Bürgern zu Leibe rücken will:

Die Reichsten sollen mit einem Nagelknipser “behandelt” werden, der Mittelstand mit einem Hackbeil, die Armen mit einer Axt!

So hatten der Ministerpräsident Benjamin Nethanyahu und sein treuer Vasall, der Finanzminister Yuval Steinitz es geplant. Und alles sollte ganz rasch gehen: Die Regierung sollte am 30. Juli dem Sparpaket zustimmen, am 1. August sollte es schon in Kraft treten! Aber in ihrem Übereifer hatten die Beiden eine Kleinigkeit vergessen: Sie müssen alles zuerst dem Finanzausschuss der Knesset unterbreiten. So will es das Gesetz. Jetzt steht ihnen dort noch ein Spiessrutenlauf bevor. Jeder Parlamentarier im Ausschuss wird die Partikularinteressen der Gruppe, die ihn abgeordnet hat, zu retten versuchen. Einig sind sie alle: Wir müssen sparen! Aber jeder sagt: Nicht bei mir! (Wären sie katholisch, würden sie wohl singen O heiliger Sankt Florian/ Verschone unsre Häuser/ Zünd lieber andre an!)/ In einem Monat werden wir wissen, welches Werkzeug die Regierung am eifrigsten benutzen wird. Wahrscheinlich nicht den Nagelknipser.

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.